Bericht 31.01 – 03.02.2017

In den letzten Tagen und Woche haben sich die Dinge wortwörtlich überschlagen.

In der fünften Woche, vom 30. Januar bis 3. Februar schien noch vieles planmässig zu verlaufen. Wobei die emotionalen Wellen bereits am Montag, 30.01.2017 mit Hoch- und Tiefschlag aufeinander zu prallen schienen. Nach einer sehr unruhigen Nacht voller Albträume, durfte ich Gast am Gebetsfrühstückstreffen der Afrikanischen Union an deren neuen Sitz ausserhalb von Addis Abeba sein. Riesen, beeindruckende Gebäude von den Chinesen aus dem Boden gestampft. Die vielen Begegnungen und Gespräche, zum Teil äusserst inspirierende Momente und auch Bekanntschaften! Sehr beeindruckend war für mich die Begegnung mit den Kirchenoberen der Römisch-Katholischen und Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Was soll man nur zu «Darius Africanus» sagen?! Doch das ist eine Geschichte für sich…

Zum gleichen Zeitpunkt dann die erdrückende Nachricht von meinem Neffen mit seinem schweren Motorradunfall. Hilflos an seinem Krankenbett zu stehen. Diesen starken jungen Mann, plötzlich mit einer doppelten Rückenfraktur, inneren Verletzungen und gelähmten Beinen zu sehen, führte uns alle vor Augen, wie fragil dieses Leben ist. Da standen wir, Vater, Brüder, Schwester, Schwiegereltern, Freunde. Trotz der angespannten Ruhe herrschte offensichtlich ein leises, emsiges Treiben. Denn am Nachmittag sollte er bereits seine Reise nach Nairobi, Kenya antreten, ausgeflogen werden, dies in der Hoffnung, dass man ihn dort operieren könnte. Bevor es dann aber soweit war, standen wir alle vereint zusammen und beteten, segneten und salbten Luca. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Gleichzeitig wurde eine «Armee von Fürbetern» über die sozialen Medien aufgeboten. Das war für mich ein Erlebnis sondergleichen! Umso erstaunlicher dann in den zwei Wochen die gesundheitlichen Veränderungen zu vernehmen. Zuerst haben die Mediziner auf die OP verzichtet, dafür Physiotherapie verordnet, und nach einer Woche konnte er trotz der inneren Verletzungen zum ersten Mal wieder leichte Kost zu sich nehmen! Ja, und gestern, am Samstag, 11. Februar konnte er zusammen mit seinem Bruder den Heimflug nach Addis antreten. Natürlich ist sein Weg der Genesung noch ein weiter Weg. Trotzdem sind wir alle überaus DANKBAR, dass es nicht schlimmer gekommen ist. Ja, ich glaube sagen zu dürfen, mein Neffe ist nochmals mit einem blauen Augen davon gekommen! Und für uns alle hier Mitbetroffenen war es ein echtes Gottesgeschenk und einer echten Gebetserhörung! Aber das scheint mir hier in Äthiopien fast schon zum Alltag zu gehören. Alltag und Glaube sind hier für viele Menschen innig ineinander verwoben. Für mich ein äusserst berührende Erfahrung!

Dienstag, 31. Januar

Frühmorgens machte ich mich auf den Weg Richtung Schweizer Botschaft, zum Hamlin Fistula Hospital. Seit über einem Jahr bin ich im Kontakt mit dieser weltweit einzigartigen Institution. Bereits auf unserer letzten Äthiopienreise haben Joshua, Jeremy und ich diesen Ort besucht. Die Begegnung mit den geburtsverletzten Frauen (Geburtsfisteln) ist keine leichte Sache. Doch hier in dieser Klinik erhalten wegen dieser Geburtsverletzungen von der Gesellschaft ausgestossene Frauen zum ersten Mal wirkliche Hilfe! Mittlerweilen habe ich mich daran gewöhnt, dass es hier an manchen Orten immer nach Urin riecht. Denn durch die Blasen-Scheiden-Fistel läuft bei vielen dieser Frauen der Urin einfach die Beine herunter auf den Boden. Noch schlimmer ist es, wenn auch der Enddarm davon betroffen ist.

An diesem Tag treffe ich mich zuerst mit Tadesse, treffe dann noch einen Arzt vom letztjährigen Besuch. Gemeinsam besprechen mit in groben Zügen nochmals das Projekt der Reintegration von Fistula-Frauen in einen möglichen, zukünftigen Arbeitsprozess und fahren dann anschliessend zum «Desta Mender», dem «Dorf der Freude». Die Fahrt geht rund eine Stunde Richtung Ambo, ausserhalb von Addis. Hier treffe ich zum ersten Mal auf Frau Tadesse. Sie nimmt sich ausführlich Zeit, mir die eindrucksvolle Arbeit von «Desta Mender» näher zu bringen. Im Verlauf des Tages lerne ich so diverse Mitarbeiter und Langzeitpatientinnen kennen. Wie soll ich all die eindrücklichen Begegnungen mit diesen Menschen nur beschreiben? Selten stark fühlte ich mich so nahe wie diesen doch fremden Menschen. Eigenartig, aber gerade durch meine eigene Krankheit, meine PE und insbesondere meine Ileostomie, also auf gut Deutsch ein künstlicher Darmausgang. Dieses eine Schicksal schien uns hier besonders zu verbinden  und vor allem Nahe zu bringen. In dieser Hinsicht sprachen wir eine «Sprache»; es war der Eisbrecher schlechthin. Wie war ich überrascht, wie diese Menschen reagierten, nach so viel Leiden plötzlich einem «Leidensgenossen gegenüberstanden. Was für sie ein Ding der Unmöglichkeit war, stand irgendwie vor ihnen und machte Mut. Mut nach mehr, insbesondere nach Leben! Es entwickelten sich Gespräche, selbstverständlich immer mit Übersetzung. Ich spürte, das sind Menschen wie ich selbst, Menschen mit einer langen leidvollen Geschichte, einer einzigartigen Biografie. Eine junge Frau erklärt sich bereit, mir ein Interview zu geben. Das hiess von der lokalen Sprache Amharisch ins Englisch übersetzen und dann nochmals ins Deutsche. Das Ganze konnte ich per Videokamera aufnehmen. Sie Bestand sogar darauf, dass sie mit ihrem persönlichen Namen genannt wird, da ansonsten ein Pseudonym gebraucht wird. Eindrucksvoll beschrieb sie ihr Leben, wie es zur Fistula kam und wie die Klinik ihr Leben veränderte. Insbesondere auch die Gemeinschaft mit anderen Leidensgenossinnen. Davor gab es Momente, da sie ihrem Leben ein Ende setzen wollte. Doch in der Klinik, insbesondere dem Aufenthalt im Desta Mender gewann sie wieder echten Lebensmut. Hier war sie nicht mehr alleine mit ihren Problemen, es gab andere Frauen mit dem gleichen Schicksal.

Nachdem Frau Tadesse sah, wie die Patientinnen auf ihren Leidensgast reagierten, fragte sie mich spontan an, ob ich bereit wäre, an einem Tag für die Frauen einen Workshop zu  organisieren. Wir machten auf den Dienstag, den 14. Februar ab. Die Desta Mender Frauen hatten viele Fragen. Bis anhin haben sie ihre Krankheit, ihr Leiden als eine äusserst einschränkende Macht in ihrem Leben erfahren. Nun war da aber dieser Europäer hier, weitgereist und das nicht zum ersten Mal. Gingen sie mit ihrer Inkontinenz zu vorsichtig, gar ängstlich um? Bedenke, wer hätte nicht allzu gern sein ursprüngliches Leben zurück. Und wenn mich die Frauen sahen, erinnerte sie ausser einem schwarzen Rucksack nichts daran, dass mit mir irgendetwas nicht stimmen sollte, ich lief auch nicht überaus vorsichtig herum wegen meiner Ileostomie, also meinem künstlichen Darmausgang. Doch ich weiss aus eigener Erfahrung, dass dieser Prozess kein einfacher ist, auch bei uns in der Schweiz gibt es Tabus und Dinge über welche man nicht offen redet. Aber gerade diese «Tabu»-Dinge zu durch brechen, kann sehr befreiend sein. Persönlich bin ich der Überzeugung, dass ein Jeder für seine Art und Weise verantwortlich ist, wie er gerade mit diesen Themen um geht. Selbst habe ich beide Erfahrungen gemacht. Diejenige des Rückzugs, der Isolation, des Schweigens, das «geht die andern nichts an», durch dieses Verhalten lässt man zwar die einem unmittelbar nahestehenden Menschen an seinem Leiden teilhaben, jedoch kennzeichnet gerade dieses Verhalte einen starken «Selbstschutz» gegenüber den weiteren Mitmenschen. Nach langjähriger Selbstpraxis bin zur Einsicht gekommen, dass dieses «Tabu-Verhalten» Niemanden wirklich viel bringt. So begann ich schrittweise mich zu öffnen und darüber zu reden, so, als sei es das Normalste der Welt. Und ja, das ist es ja, einfach etwas ganz Alltägliches, Normales. Jeder Mensch ist auf irgend eine Art und Weise Bedürftig und nicht immer ist dies für die Mitmenschen ersichtlich. Klar, wenn ein Mensch einen Rollstuhl gebraucht oder an Krücken geht, dann ist es für Jeden ersichtlich. Jedoch sind die meisten Einschränkungen die wir haben, nicht auf den ersten Blick einsehbar. Wenn wir Menschen beginnen, über unsere eigene Bedürftigkeit zu sprechen, haben unsere Mitmenschen die gleiche Chance es ebenso zu tun. Es schafft eine Atmosphäre der Offenheit und des Verständnisses, ja auch des Mitgefühls und der aktiven Hilfsbereitschaft.  Aktiv in die Offensive zu gehen hat mich gelernt, stärker zu sein und hat mir vielfältige neue Begegnungen und Beziehungen geschenkt! Einerseits ist da diese aufbauende Wechselwirkung, andererseits erlebe ich jetzt immer wieder einfach ganz unerwartete Begegnungen mit Menschen, denen ich eine Ermutigung sei darf und sie für mich! Dass dabei ab und zu auch mal die Emotionen durchgehen dürfen, so ganz spontan, empfinde ich eine befreiende Erfahrung. Dabei spielt es keine Rolle, ob es eine herzhafte Umarmung oder einfach Tränen der Rührung sind.

Hier kurz eine kleine Begriffserklärung, für alle, die bei Fistula nur «Bahnhof» verstehen:

In nicht wenigen Entwicklungsländern werden viele junge Frauen bereits im Kindesalter verlobt und dann, bevor ihr Körperwachstum vollendet ist, verheiratet. So ist es keine Seltenheit, dass bereits Mädchen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren schwanger werden. Selbst wenn es sich um erwachsene Frauen handelt, können sie durch Mangelernährung in der körperlichen Entwicklung zurück geblieben sein. Aus diesen Gründen sind bei diesen Mädchen und Frauen Schwangerschaften höchst gefährlich, denn das Verhältnis von Becken und Babykopf stimmt nicht überein. Leider kommt es dadurch, nach tagelangen Wehen, oft zu Totgeburten und den dabei entstehenden inneren Verletzungen. Damit hat aber das Leiden dieser Frauen erst begonnen. Aufgrund der schweren Inkontinenz mit ständigem Urinfluss, den Geruch, leben diese Frauen oft abgesondert von der Familie und Dorfgemeinschaft. Hierbei kann man sich wie im Mittelalter Menschen mit Aussatz vorstellen, welche abgesondert leben. Gerade in der äthiopischen, aber auch kontinental-afrikanischen Gesellschaft bedeutet Gemeinschaft alles. Nun plötzlich von dieser abgesondert zu leben, führt leider allzu oft in die totale Einsamkeit und Verarmung. Hinzu kommen zu den Geburtsverletzungen die oft jahrelangen Folgen der Inkontinenz, wie starke Hautverletzungen, Ätzungen, Geschwüre, Infektionen und psychischen Verletzungen.

Wenn einmal die Frauen den Weg hier in die Fistula Klinik schaffen, beginnt erst einmal vor der ersten OP ein langer Weg der inneren und äusseren Heilung, Pflege und Vorbereitung. Selbst nach der erfolgreichen OP ist nicht immer klar, ob die Frauen zurück in ihr Dorf gehen können. Denn wenn bei diesen Frauen ein künstlicher Darm- oder Harn-Ausgang angelegt werden muss, brauchen sie oft lebenslange Hilfe und Pflege. Für sie wurde das «Desta Mender», das «Dorf der Freude» gegründet. Hier erhalten Langzeitpatientinnen, aber auch Kurzzeitpatientinnen Pflege und Erholung in einer wunderbaren grünen Landschaft. Das ehemalige Militär- und Kasernengelände scheint wie  geschaffen zu sein. Das «Desta Mender» ist aber noch mehr: hier erhalten die Frauen nebst einem angepassten Schulunterricht auch eine Ausbildung (Küche, Pflege, Landwirtschaft etc.) und auch die Möglichkeit, einer bezahlten Arbeit nach zu gehen.

NB: Die Gründerin Dr. Catherine Hamlin (93 J.) wurde 2009 für Ihr Lebenswerk mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Das Fistula Spital ist in seiner Art weltweit einzigartig und Gynäkologen und Urologen aus der ganzen Welt kommen hierher, um die Operationstechnik für ihre Herkunftsländer zu erlernen.

 Mittwoch, 1. Februar

Apfelbäume schneiden und richten

Und wer hätte das gedacht?! Beim Guest House gab es zwei Apfelbäume (Hochstamm) die schon lange keine Baumschere mehr gesehen haben und voller, grüner Äpfel behangen sind. So machte ich mich in meiner Freizeit ein wenig nützlich. Bin gespannt, wie es einmal aussehen wird so in einem Jahr. Hier ist ja alles so wüchsig, sobald Wasser vorhanden ist. Auf meinen Fahrten Richtung Süden fällt mir der schwarze, fruchtbare Boden auf. Drei Ernten pro Jahr sind hier durchaus möglich.  Natürlich ist hier sehr vieles widersprüchlich. Einerseits ist Äthiopien das Wasserschloss vom Horn von Afrika, andererseits herrscht hier immer wieder Dürre und die in regelmässigen Abständen wiederkehrenden Hungersnöte sind uns ja nicht unbekannt! Bei diesem Gedanken frage ich mich manchmal, was mit unserem schweizerischen Wasserschloss einmal geschehen wird, wenn die Klimaveränderung so weiter voranschreitet!

Donnerstag, 2. Februar

Um es einmal kurz zu fassen: heute hatte ich einen Besprechungstermin mit Dr. Demissew, dem Planungs- und Programmanager des Fistula Hospitals. Es ging darum, neue Wege der Reintegration von Langzeitpatientinnen zu finden und wie diese umgesetzt werden könnten. Wir besprachen auch meine Erfahrungen im „Desta Mender“ mit Frau Tadesse.

Am Abend waren meine Packkünste gefragt. So half ich Annarös mit dem Beladen von einem Medikamententransport für die Klinik in der Nähe von Welkite.

Freitag, 3. Februar

Während des Tages versuchte ich all die Erlebnisse der Woche zu verarbeiten und am Abend traf ich mich zu einem Besprechungstermin mit Melat, der ehemaligen Generalsekretärin des YWCA/ Cevi Äthiopien. Es ging in erster Linie darum, eine aktuelle Bestandes-Aufnahme vorzunehmen und auszuloten, wie die Kooperation zwischen der Schweiz und Äthiopien im Cevi-Jugendarbeitsbereich weiter geführt werden kann. Unter anderem beschlossen wir, die Cevi Arbeit direkt vor Ort in Adama am Samstag, 11. Februar zu besichtigen.