14 Tage Highlights- gesammelte Berichte

Meine ersten zwei Wochen Addis Abeba vom Mittwoch, 11. Januar bis Dienstag, 24. Januar 2017 im Überblick.

Unglaublich, was ich in diesen ersten zwei Wochen hier in der Hauptstadt Addis Abeba bereits alles erleben durfte! Aus diesem Grund gebe ich Dir hier einen kurzen Überblick in Form eines geschüttelten, gerüttelten und überfliessenden Bechers meines Lebens. Also mach dich gefasst auf ein paar Schlagzeilen in konzentrierter Form – ein Genuss für alle Lesefaulen, aber hoffentlich nicht nur!
Statements von Mitmenschen im Vorfeld meiner zweiten Äthiopienreise sind aufgrund dieser folgenden Information besser verständlich: Nach Massenprotesten und hunderten Toten in der Region Oromia und Amhara hat die Regierung seit dem 8. Oktober 2016 den Ausnahmezustand verhängt und im neuen Jahr 2017 verlängert.
Statements:
• Ich konnte nie verstehen, was dich immer wieder nach Afrika gezogen hat, auch jetzt nicht, aber offensichtlich musst du das tun
• Du hast dich entschieden, ohne zu fragen, also reden wir jetzt nicht darüber
• Ich bewundere dich
• Sie denkt, dass du verrückt bist
• Ich wünsche dir weiterhin so viel Mut und Engagement für benachteiligte Menschen
• Warum suchst du dir nicht ein anderes Land?!
• Ich freue mich für dich
• Ich habe Angst, dass er unzurechnungsfähig ist
• Mach es, du bist wie ein Vogel gefangen im Käfig, flieg endlich los und sei frei
• Hast du dein Testament geschrieben?

Dienstag, 10. Januar

 Papi hat heute seinen Geburtstag. Vor meinem Abflug führen noch ein sehr persönliches und wichtiges Telefongespräch. Am Nachmittag checken Jeremy und ich das Gepäck am Flughafen Zürich ein und bezahlen rund Fr. 2200.- Es gibt leider kein all zu grosses Entgegenkommen, auch meine Reservation wurde nicht vermerkt, obwohl die Bestätigung für den Flughafen Addis Abeba schriftlich vorliegt. Ein Widerspruch im System, doch das System hat immer recht, wie soll man das verstehen?

Mittwoch, 11. Januar

 21:15Uhr die A330-300 der Lufthansa bringt mich sicher nach Addis Abeba. Mein verschneites Gepäck wurde teilweise pflotschnass, so dass ich am nächsten Tag meine Kleider trocknen muss. Meine Medikamentenschachtel ebenfalls und dafür habe ich soviel Geld bezahlt. Hätte nicht gedacht, dass mich die Swiss sprichwörtlich im Regen stehen lässt. Dass wird wohl noch bei meiner Rückreise ein Nachspiel geben. Umso mehr habe ich mich über den äthiopischen Zoll gefreut! Selbst die Gepäckträger, als sie vom Grund meiner Reise erfuhren, wollten auf ihren Lohn verzichten. Das Hamlin Fistula Hospital muss hier bei den Menschen sehr bekannt sein! Der Zoll liess mich mit 13 Koffern und Kartonschachtel freundlich passieren!

Donnerstag, 12. Januar

Erfreuliches Wiedersehen mit Lidia, Alexi und Luka! Einleben, erholen, erschöpft, einpuffen, einfach alles, was man an einem solchen Tag nach einer langen Reise macht: ich bin k.o. und zu nichts mehr gebrauchen.

Freitag, 13. Januar

Aufgrund meiner Erschöpfung folgen die ersten Planänderungen. In dieser modernen Welt hat Kommunikation erste Priorität. Erst recht in einem Land im Ausnahmezustand. Ich kaufe mir eine neue SIM-Karte und weil es so günstig ist, mein erstes iPhone (man gönnt sich ja sonst nichts – was für ein Spruch!). Wegen einer Fotografie am falschen Ort wird meine Kamera vom Sicherheitsdienst konfisziert. Dass meine Nichte meine Freundin sei, half auch nicht. Jedoch haben Digitalkameras den Vorteil, einzelne Bilder löschen zu können (falls man es dann auch tut). Auf jeden Fall hatten wir unseren Spass! Von einem Strassenverkäufer erstand ich mein erstes Sprachbuch. Die Tatsache jedoch, dass die amharische Sprache aus über 250 Buchstaben, meist Silben besteht und ich in Sprachen nicht gerade zu den Begabtesten gehöre, kombiniert mit einer gewissen Faulheit, zähle ich dieses Buch zu den Souveniren. Der anschliessende Besuch eines teuren Hotels ermöglicht mir die langersehnten  Kontaktaufnahme mit der Aussenwelt über deren WLAN-Netz. Selbstverständliches wird plötzlich zur Ausnahme und erfüllt mich mit Dankbarkeit!
Mein erster äthiopischer Gottesdienst zum Abschluss der Fastenzeit ist für mich ebenso eine solche Ausnahme und Erfahrung. Staunend nehme ich ihre Gastfreundschaft als ein Privileg war und lasse mich in meinem Innersten berühren: für gewisse Erfahrungen sind Worte unzureichend, ich fühle mich schlichtweg beschenkt!

Samstag, 14. Januar

Addis Abeba gehört zu denjenigen Städten, in welchen immer noch sehr viele alte Autos verkehren. Keine Seltenheit sind Autos mit 50 bis 60 Jahren auf dem Buckel. VW-Käfer Liebhaber kommen hier voll auf ihre Rechnung, jedoch sind diese in einem desolaten Zustand. In der ganzen Stadt gibt es sogar noch deren drei Modelle als Cabriolets. Umso mehr staunte ich, als mein Neffe mich fragte, ob ich ihn in die Autogarage begleiten würde und dann mit einem dieser Cabriolets vorfuhr. Frisch restauriert, blau-metallisé, was für eine Augenweide. Wahrlich ein einzigartiges Geschenk für ihren Vater! Und für mich ein einzigartiges Fahrerlebnis. Denn diese alten Kisten hatten noch keine uns heute bekannten Kupplungen. Sie werden noch nach alter Manier mit Zwischengas geschaltet, so wie ich früher Traktoren und auch Lastwagen in Tansania und im Kongo gesteuert habe. Welch ein Fahrgefühl! Luka zeigte mir mit Stolz seine väterliche Autogarage «Shoa». Dabei waren nicht wenige alte Modelle mit von der Partie, welche sie für die berühmten und einzigartigen Autorennen Äthiopiens gebraucht haben. Mit Stolz zeigte er mir seine Fotoalben von den Auto- und Motorradrennen! Ich staunte nicht wenig, denn wer denkt schon bei Äthiopien an Autorennen!

Sonntag, 15. Januar

Heute führte ich meinen ersten Nadelwechsel nach meiner Ankunft in Äthiopien durch. Bis jetzt läuft alles einwandfrei mit meiner medizinischen Versorgung! Auch das ist ein Geschenk. Und wieder eine Überraschung, beim Frühstück begrüsst uns Dimitris, eine Neffe, welcher gerade aus den USA hier ankam. Vor  genau einem Jahr haben wir uns ebenfalls in diesem Haus, in diesem Raum zum ersten Mal kennen gelernt. Dazumal war er gerade vor seinem Abflug in die USA. Nun kam er zurück und trifft wieder auf mich! Während er seinen Jetlag ausschläft, bin ich zu einem internationalen Gottesdienst in die BEZA Kirche eingeladen. Der englischsprachige Gottesdienst hat für mich den Vorteil, dass ich auf eine Übersetzung verzichten kann. Anschliessend mache ich eine kulinarische Entdeckung, indem ich von meinen Verwandten und Bekannten aus der Kirche in ein äthiopisches Fastfood-Restaurant eingeladen werde. Meine Wahl fällt auf einen würzigen Lamm-Burger und Pommes. Köstlich, wenn gleich auch schwierig zu essen aufgrund seiner Grösse!

Montag, 16. Januar

Heute ist ein grosser Tag und Lidia, Alexi und ich dürfen ein wenig verspätet «Weihnachtgeschenke» verteilen. So fühlt es sich zu mindestens teilweise an, als wir die aus der Schweiz mitgebrachten Kartonschachteln an ihren Bestimmungsort übergeben dürfen. Medizinisches Verbrauchsmaterial (Stoma- und Kontinenzmaterial) für das Hamlin Fistula Hospital hat endlich seinen Bestimmungsort erreicht. Eine erste von vielen Etappen ist geschafft! Dennoch will ich ehrlich sein und dazu stehen, dass das Ganze bei mir auch einen schalen Beigeschmack hinterlässt! Denn weswegen soll ich mich für etwas gut fühlen dürfen, das damit zusammenhängt, wie falsch und ungerecht unsere Welt ist mit all den daraus resultierenden Konsequenzen?! Fragen über Fragen: (hier nur eine ganz kleine Auswahl) weswegen werden junge Mädchen verheiratet und geschwängert? weswegen haben Erwachsene Rechte, nicht aber Kinder? Weswegen tolerieren wir so viel Ungerechtigkeit? Wie kommt es, dass Krankenhäuser auf Spenden angewiesen sind?  Weswegen ist der Reichtum dieser Welt so ungerecht verteilt?
Auch wenn ich mir bewusst bin, dass unsere Hilfe wie ein Tropfen auf den heissen Stein ist, lohnt es sich trotzdem, denn umso mehr Menschen in ähnlicher Weise Handeln, kann Veränderung stattfinden. Dies mit dem langfristigen Ziel, dass sich die menschliche Zivilisation in eine achtsame, würdevolle Menschheit verändert. Der Glaube an das Gute im Menschen gibt mir die Kraft in Hoffnung zu Handeln, auch und gerade deswegen, weil ich mich nicht als «Gutmenschen» sehe. Zu gut, kenne ich meine eigene Mördergrube.

Dienstag, 17. Januar

Einige Termine stehen an, so auch das Überreichen von Geschenken, welche mir von Äthiopiern aus der Schweiz für ihre Verwandten in Äthiopien mitgegeben haben. Am Nachmittag treffe ich mich mit Ursula Fischer, der verantwortlichen Person von der Nilland Mission vor Ort. Ich bin für alle Kontakte hier in Addis Abeba sehr dankbar und im Vertrauen darauf, dass Gott mir die richtigen Türen öffnet, begebe ich mich vorwärts. Einerseits im Hinblick auf die verschiedensten Hilfsprojekte vor Ort, aber auch mit Blick auf zukünftige Möglichkeiten und Visionen.
Um 16:00 Uhr treffe ich mich mit Yared vom Reiseveranstalter von GETTS. Er ist der Inhaber und Geschäftsführer. Bei unserem ersten Treffen geht es darum, uns gegenseitig als zukünftige Geschäftspartner kennen zu lernen. Yared war der frühere Partner von Andreas Eggenberger von «Äthiopien Reisen» in der Schweiz, dessen Reisegruppen-Arbeit ich gedenke zu übernehmen. Als erstes treffen wir eine mündliche Vereinbarung, durch welche er sich verpflichtet, mir in Etappen das Land und seine Schönheiten zu zeigen. Eine erste Reise könnte so uns in den Norden des Landes führen.  Sobald das Timkatfest vorbei ist, wird er mir ein paar Reisevorschläge machen.

Mittwoch, 18. Januar

Heute kann ich endlich meine neue Unterkunft im Nil Development Guest House beziehen. Wie geplant werde ich die nächsten Wochen hier die Arbeit der Nilland Mission kennen lernen. Für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar. Auf unserer letzten Reise vor einem Jahr hatten wir die Gelegenheit, die Walga-Klinik näher kennen zu lernen. Dieses Jahr setzte ich mir zum Ziel, auch die anderen Bereiche kennen zu lernen (Berufsbildungszentrum für blinde, gehörlosen und körperbehinderten Menschen und das Landwirtschaftsprojekt Nono).
Am 18. und 19. Januar feiern die orthodoxen Christen Äthiopiens das Timkat-Fest. Es ist ein eigentümliches Fest, welches so wie es in der äthiopisch-orthodoxen Kirche gefeiert wird weltweit einzigartig ist und zugleich ist es auch der grösste christliche Feiertag. Normalerweise würde ich mir ein solches Fest nicht entgehen lassen, doch in meiner Müdigkeit gönne ich mir eine Erholungsphase!

Donnerstag, 19. Januar

Aus lauter Erschöpfung bleibe ich auch am zweiten Feiertag zu Haus. Die Feierlichkeiten sind dennoch für mich  akustisch wahrnehmbar, mal mehr dann wieder weniger, das Klatschen und Jauchzen, faszinierende Zungenlaute und rhythmischer Trommelklänge. Irgendwann scheinen die Feierlichkeiten abzuklingen und es wird ruhiger. Da ich den ganzen Tag im Guesthouse war, entschliesse ich mich gegen 17.00 Uhr mir ein wenig die Beine zu vertreten. Es sollte nur ein kleinerer Spaziergang rund um meine neue Lokation werden. Wie gewohnt nehme ich meinen Rucksack mit der Kamera mit auf den Weg und versuche unauffällig ein paar Schnappschüsse zu schiessen. Doch was mir an diesem frühen Abend geschieht, lässt sich nur sehr schwer, wenn überhaupt mit der Kamera festhalten. In der Nähe des Menelik Spitals und der grossen Kreuzung werde ich auf offener Strasse von einer Gruppe betrunkener junger Männer überfallen. Rund zehn Männer gehen sehr schnell, professionell und brutal gegen mich vor und bevor ich realisieren kann, was passiert, hat einer der Täter seine Diebeshand in meiner rechten, vorderen Hosentasche. Blitzschnell, rein intuitiv reagiere ich, wehre mich und werde selbst aggressiv, so dass ich mich nicht mehr recht erinnern kann, was dann alles geschah, ausser, dass die Gruppe Krimineller das Weite suchen und sich aus dem Staub machen. Zur gleichen Zeit stehe ich da, habe Angst, zittere, voller Wut und will eigentlich nur noch so schnell wie möglich zurück in mein Guest House! Gott sei Dank, mir geht es ausser dem Schock gut und mir wurde nichts gestohlen. Am linken Oberarm habe ich ein paar Schrammen, die wohl noch eine Weile sichtbar sein werden.

Freitag, 20. Januar

Heute treffe ich mich mit einer wichtigen Kontaktperson, welche ich über Andreas Eggenberger, Gründer und Besitzer von «Äthiopien Reisen» : www.aethiopien-reisen.ch erhalten habe. Waiserit Melat Tekletsadik, ehemalige YWCA-Generalsekretärin, wurde mir wärmstens als integre Persönlichkeit empfohlen. Meine persönliche Erfahrung konnte diese Empfehlung mehrfach auf positive Art und Weise bestätigen. Es sind diese einzigartigen Begegnungen im Leben, welche einem nur staunen lässt, wie Fügung und Führung konkret aussehen kann, wie Gebete in Erfüllung gehen und bevor man sich überhaupt anstrengen muss, solche lebensweisende Türen selbst zu öffnen, sie nur noch zu durchschreiten hat. Ideen und Pläne, welche ich in aller Stille in der Schweiz hatte, fügen sich hier in Äthiopien Schritt für Schritt wie Puzzleteile zusammen und dabei muss ich mich nicht einmal anstrengen. Staunend erlebe ich, wie mir Bereiche eröffnet werden, welche ich mir nicht einmal erträumt habe, geschweige daran gedacht habe! Als ich in der Schweiz dabei war, mir diese Äthiopienreise zu planen, kam ich mir manchmal so vor, wie jemand, welcher in die Fremde zieht, ohne zu wissen wohin er zieht. In gewisser Art und Weise konnte ich nachvollziehen, was meine direkten Mitmenschen, meine «Nächsten» bewegte und umtrieb. Es muss für sie sehr schwierig gewesen sein, mit mir und meinen Ideen und Plänen sich zurecht zu finden. Wie sollte ich Ihnen etwas verständlich machen, deren Verständlichkeit selbst für mich nicht immer klar war?!
Das erstaunliche hier vor Ort war dann immer wieder die gleiche Erfahrung, dass die unterschiedlichsten Menschen hier in Äthiopien meine Sprache und meine Botschaft zu verstehen scheinen! Gleichzeitig öffnet sich mir eine Türe nach der anderen. Aber so schnell, dass ich gar nicht mehr mit dem Schreiben nachkomme!!! Hier habe ich den Eindruck, dass ich für jeden erlebten Tag zwei zusätzliche Tage gebrauche um sie zu verarbeiten zu können und sie zu beschreiben können. Nur so viel vorweg, nie hätte ich mir vor einem halben Jahr erträumen lassen, dass ich persönliche Gespräche mit «seiner Heiligkeit Abune Mathias, Patriarch der äthiopisch-orthodoxen Tewhedo Kirche» oder mit «seiner Eminence, Kardinal Berhane Eyesus der äthiopisch-katholischen Kirche» führen würde, oder dass ich Teil der African Union Summit 2017 «Bridging the Generation» im neuen Konferenzzentrum von Addis Abeba sein würde…

Samstag, 21. Januar

Wie versprochen holt mich Luca mit seinem alten blauen Käfer Cabriolet zum Gottesdienst in der 7-Tags-Adventisten Kirche ab. Dass er verspätet erscheint, fällt mir zunächst nicht gross auf, kann dies doch in einer Millionenstadt wie Addis Abeba mit guten 7Millionen Einwohnern und chaotischen Strassenszenen gut verständlich sein. Als ich jedoch seine roten Augen und Tränengezeichnetes Gesicht sehe, ist mir gleich klar, dass etwas geschehen sein muss. Wir halten am Strassenrand an und tauschen aus, sprechen über die Not und das Leid, oft fehlen mir die Worte, da höre ich einfach zu, schweigen – wir beten und segnen einander. Dann fahren wir zur Kirche. Sie ist überfüllt, die Menschen stehen selbst in den Gängen und Vorräumen, auch vor der Kirche -junge und alte Menschen begegnen einander. Eine tiefe Gottesfurcht begegnet mir. Luca übersetzt mir den Gottesdienst und die Predigt. Ein singstarker Chor begleitet die Gemeindelieder, wunderschöne Melodien. Die Ältesten der Kirche sitzen in einem Halbkreis vor den Besuchern. Als die Gläubigen zum Gebet aufgerufen werden, gehen alle auf die Knie. Ein Bild, dass mich als Besucher stark berührt. Die Predigt ist schlicht und lebensnah. Sie fordert die Menschen in ihrer Not auf, sich Gott mit seinen Sorgen an zu vertrauen. Zentrale Botschaft ist, dass wir aufgrund der Auferstehung von Jesus Christus uns ihm anvertrauen dürfen. Wenn Jesus Christus den Tod am Kreuz besiegt hat, können auch wir im gleichen Geist und Sinn diesen Kampf gewinnen. Denn Jesus lebt durch den Heiligen Geist auch in uns, somit können wir auch heute in unserem Alltag im Glauben Überwinder sein. Persönlich hatte ich den Eindruck, dass die Predigt inhaltlich in etwa dem entspricht, was auch in europäischen Kirchen gepredigt wird, allerdings mit dem grossen Unterschied, dass in unseren Gefilden die Kirchen eher leer sind und hier in Äthiopien die Menschen eher Mühe bekunden, einen freien Platz zu erhaschen! Was ist es, vielleicht die Gottesfurcht, ich weiss es nicht?!
Im Anschluss an den Gottesdienst lerne ich Luca’s Schwiegereltern kennen. Das Gefühl, welches mir vermittelt wird, ist, dass ich zur Familie gehöre. Es ist in starkes Gefühl und für mich dennoch schwierig, es zu beschreiben. Ich habe den Eindruck, dass es mal wieder eines dieser «kulturellen Dinger» ist, welche mir in meiner europäischen «Grundausstattung» aus Spargründen weggelassen wurde.

Sonntag, 22. Januar

Also am heutigen Tag ist es nicht schwierig, zu erraten wohin ich gehe oder was ich machen werde. Jetzt verstehe ich auch, dass die Kirche ein dreistöckiges Parkhaus gebraucht. Mann, irgendwie ist das schon ein wenig «cracy». Als mein «Verwandter» Dimitris aus den USA hier bei uns in Addis eingetroffen ist, realisierte ich, wie er auf seine kritische Art mir sympathisch war. Zwar war bei ihm nur Kritik gegenüber den christlichen Erweckungsbewegungen und Kirchen anzutreffen, das heisst, dass ich seine Einstellung als zu extrem und einseitig empfand. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass gerade diese kritische Einstellung den Kirchen gut tut. Sie kann ihnen helfen, auf dem Boden der Tugenden und der Realität zu bleiben. Besonders die Tatsache, dass er aus den USA kommt und die dortigen sektirischen Fernsehevangelisten kennt, kann den hiesigen Christen hier in Äthiopien helfen, gewisse Fehlentwicklungen innerhalb der Kirchen zu vermeiden. Deswegen bin ich kritisch denkenden Menschen zu Dank verpflichtet. Sie können mich auf Schwachstellen innerhalb der Kirchen hinweisen und mich vor Irrwegen bewahren, insofern ich die richtigen Rückschlüsse daraus ziehe. Insofern stellt sich aber auch die Frage, inwieweit die äthiopischen Kirchen ein selbstständiges, erwachsenes und mündiges Kirchenvolk sich wünschen und fördern oder am liebsten nur ein immer Ja-nickendes und Amen-sprechendes Kirchenvolk haben wollen. Ein Volk von Christen, welche auch nach Jahrzehnten des Glaubens nur den Babyshoppen vertragen und niemals erwachsen und mündig werden wollen oder sollen. Die Auswirkungen können / sind mit Bestimmtheit katastrophal!
Der heutige Gottesdienst in der BEZA Kirche steht ganz im Zeichen des 28ten African Union Summit hier in Addis Abeba: «Bridging the Generation» Regelmässig treffen sich die Präsidenten und Politiker des afrikanischen Kontinents, der African Union (AU) um die vielfältigen Herausforderungen des Kontinents zu begegnen. In Anlehnung an den Bibeltext aus 1. Könige 17, wo der Prophet Eliah der notleidenden Bevölkerung den Segen Gottes in Form von Regen bringen konnte (und eben nicht die politische Führung), wollen die Kirchen des Kontinents Afrikas ihre Verantwortung wahrnehmen. Seit nun neun Jahren treffen sich gleichzeitig zur African Union Summit in Addis Abeba immer auch die kirchlichen Leiter des Kontinents zur «Africa Arise», dieses Jahr unter dem Motto «Bridging the Generational Gap», «Together for Destiny»
Es ist die Verantwortung der Kirche, hier an dieser Stelle den Menschen des Kontinents diese Brücke zwischen den Generationen, zwischen Jung und Alt, zwischen den Vätern und Müttern und deren Kindern zu schliessen. Es ist höchste Zeit, dass die Kirchen praktikable und umsetzbare Ideen hervorbringen, um die Lücke zwischen den Generationen zu schliessen und zu überwinden. Höchste Zeit also, dass die afrikanischen Kirchen ihre göttliche Autorität in Vollmacht zum Segen für die Menschen, zum Segen für die nächste, junge Generation Afrikas ganz praktisch umsetzt, indem sie die nächstfolgende junge Generation bevollmächtigt, verantwortungsvolle Leiter und Leiterinnen ihrer eigenen Zukunft ist. Die Agenda der 28ten AU Summit von diesem Jahr hat das relevante Ziel «Bridging the Generational Gap» für das Jahr 2063 festgesetzt. Allerdings muss festgehalten werden, dass dieses in weiter Zukunft liegende Thema von Präsidenten des Kontinents bearbeitet wird, welche alle über 7o Jahre alt sind. Selbst Präsident Mugabe aus Simbabwe mit seinen jungen 93 Jahren ist mit von der Partie! Die Kirchen Afrikas kann und darf zu alldem nicht schweigen! Selbst ich mit Jahrgang 1969 würde im Jahre 2063 stolze 94 Jahre zählen. Mit einer 99,9% Wahrscheinlichkeit darf ich das Ganze aus göttlicher Perspektive beobachten. Wollen also die Kirchen zu alldem schweigen?!
Aus diesem Grund gibt es die «Young African Think’rs Convention (Realizing the envisioned Africa)
In der Agenda 2063/ Aspiration 6:58 steht
«Die Kreativität, Energie und Innovation von Afrikas Jugend soll die alles bestimmende Kraft hinter der kontinentalen-politischen, -sozialen, -kulturellen und -wirtschaftlichen Transformation Afrikas stehen.»
«Allein aus dieser Perspektive ist es unerlässlich, dass die heutig Jugend Afrikas proaktiv in diesen Weg der Veränderung und Herausforderung miteinbezogen wird und dass die ältere Generation ihnen dazu den Weg in weiser Voraussicht ebnet und vorbereitet. Es soll nicht vergessen werden, dass viele der Herausforderungen unserer Zeit für die heutige Jugend auch immer gleichzeitig grosses Potenzial an Möglichkeiten für die Zukunft in sich vereint wissen. Die hohen Erwartungen in unsere jungen Generationen und zukünftigen Leiterinnen und Leiter Afrikas schliessen mit ein, die unsrige und jetzige Verantwortung der älteren Generationen in der lebensnahen, praktischen Vermittlung positiver, gelebter moralischer und ethischer Werte» in Anlehnung und freier Übersetzung an Dr. Betta Mengistu’s Aussage in Präsentation der Young African Think’rs Convention (YATC) , Beza Int. Ministries, Chairman
An diesem Sonntag habe ich die Einladung zur Teilnahme an der «African Arise Conference» dankend angenommen. Und somit wartete eine intensive Woche auf mich!

Montag, 23. Januar

Aufgrund der so erlebnisreichen Zeiten des Wochenendes versuchte ich mich ein wenig an diesem Montag zu erholen. Was mir auch mehr oder weniger gelang. Aufgrund meiner Kontakte in der Schweiz nahm ich am späteren Nachmittag die Gelegenheit war und traf mich für ein erstes Mal mit Kebede und Franca. In Kebede, einen pensionierten Professor, Lehrer und ehemaligen Mitarbeiter der Weltbank setzte ich grosse Hoffnung, dass er mir bei meinen Ideen und Visionen weiter helfen könnte. So machten wir einen Termin auf den nächsten Tag ab. Seine Frau Franca lernte ich bereits in der Schweiz kennen, als sie ihren Sohn Senay und dessen Familie besuchten. Seine Frau Misrak lernte ich bereits vor Jahren in der Schweiz kennen, während einem meiner vielen Krankenhausaufenthalten. So staune ich manchmal, wie vor vielen Jahren sich Wege anbahnten, von deren Existenz ich nicht einmal erahnen oder erträumen konnte. Doch mittlerweilen offenbart sich mir immer mehr ein immer grösserer Blick auf das gesamte Bild . Es ist wie bei einem gewobenen «Gabi» (dies ist eine äthiopische Spezialität aus handgewonnener Baumwolle, welche auf traditioneller Weise verwoben wird) , welches lange bevor es sichtbar als Gabi wahrgenommen wird, seine ersten Grundfäden im Webstuhl aufgezogen werden, also lange bevor auch nur das erste Webschifflein hin und her flink seinen Weg durch das Ganze geschossen werden kann. Auf diese Art und Weise haben sich Menschen bei mir vor langer Zeit angemeldet, so dass zum jetzigen Zeitpunkt nur noch flink in grosser Aufmerksamkeit die Querfäden mit dem Webschifflein hin und her geschossen werden müssen, so dass sich Reihen um Reihen in ein klares weisses Muster und deren farbigen Gegenmuster bilden und eingereiht werden können! Solche Lebensprozesse miterleben zu können und zu dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit! Sie lassen mich immer wieder  staunend aus der Metaebene die Dinge betrachten, als ob mir der Blick aus der Vogelperspektive geschenkt werden würde.

Dienstag, 24. Januar

Einen Tag wie diesen zu beschreiben ist gar keine so einfache Sache. Aufgrund meinen gesundheitlichen Beschwerden warnte mich vor ein paar Tagen mein Verwandter Dimitris vor dieser Begegnung. Er legte mir Nahe, dass ich darauf verzichten sollte, das Misrach Center Äthiopiens hier in Addis Abeba zu besuchen. Überhaupt sollte ich nicht hier im Lande sein. Im Vertrauen auf Gott entschied ich mich anders und heute sollte mein erste Tag im Misrach Center sein. «Misrach» bedeutet Hoffnung. Die Mission am Nil hat 1968, also ein Jahr vor meiner Geburt, die Arbeit hier in Äthiopien mit dem Aufbau kleiner Kliniken begonnen. 1982 wurde mit dem «Misrach Center» in Addis Abeba für Menschen mit einer körperlichen Behinderung unter der Leitung von des selbst blinden Ato Amare Asefa diese Arbeit gestartet. Die «Misrach-Behindertenwerkstätten» geben den Menschen neue Hoffnung. Hier lernen diese Menschen, Junge und Erwachsene, lesen und schreiben. In mehrjährigen Ausbildungskursen erhalten diese Menschen erstmals in ihrem Leben die Chance, ein einfaches Handwerk zu erlernen. In professioneller Begleitung werden sie ebenfalls darin unterstützt, eine Arbeitsstelle zu finden oder sich gar mit einem eigenen Geschäft selbstständig zu machen. Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig und werden  laufend nach Möglichkeit in Kunsthandwerk, Informatik und Hauwirtschaft ergänzt.
Bei meiner Ankunft im «Misrach Center» fällt mir gleich der Leitspruch an der Aussenwand der Holzwerkstatt auf:
«IF YOU GIVE A MAN A FISH HE WILL EAT FOR A DAY.
IF YOU TEACH HIM TO FISH HE WILL EAT FOR A LIFETIME.”
(Gibst du einem Menschen einen Fisch, dann isst er einen Tag lang. Lehrst du einen Menschen das Fischen, dann isst er sein Leben lang)
Doch was sind Worte? Hier vor Ort durfte ich mich mit meinen eigenen Augen überzeugen, welch grossartige Arbeit von zum Teil ebenfalls Menschen mit einer Behinderung für Menschen in grosser Not vollbracht wird. Frau Ursula Fischer, Koordinatorin der Mission am Nil in Addis Abeba nahm sich ausführlich Zeit, mir sämtliche Bereiche des «Misrach I & II Centers» zu zeigen. Für mich waren es die vielen kleinen und grossen Begegnungen mit den Menschen vor Ort, die friedvolle und auch hoffnungsvolle Atmosphäre in der Gemeinschaft, welche mich immer wieder tief durchatmen liessen. Diese Lebenskraft, aber auch Professionalität in der Arbeitsausführung, im erlernen und gleichzeitigen weitergeben der eigenen Erfahrung für andere Menschen, welche ebenfalls durch eine Behinderung gekennzeichnet sind. Die Tatsache, dass es hier um Menschen geht, welche von der Gesellschaft gemieden werden, ausgestossen sind, Menschen unterster Klasse sind, als verfluchte Menschen wahrgenommen werden, als Abschaum der Gesellschaft gelten, mit denen niemand zu tun haben will! In Äthiopien als Mensch mit einer Behinderung zu leben, bedeutet immer noch mit einer Stigmatisierung zu leben. Behinderung wird somit als Fluch und Strafe betrachtet. Dass diese Menschen auch eine Würde besitzen und aussergewöhnliche Talente haben, wird eher selten erkannt. Ihnen wird höchstens der Status eines Bettlers anerkannt. Dies ist häufig die einzige ihnen zuerkannte Tätigkeit, so erhalten sie oft bei religiösen Festen und Gottesdiensten grosszügige Spenden (Natural- und Geldspenden). So sieht man vor Kirchen häufig eine grössere Ansammlung von behinderten  und bettelnden Menschen. Es ist ein gängiges und häufig anzutreffendes Strassenbild, leider! Doch mittlerweile hat sich das Leben dieser Menschen immer mehr verändert. Es findet ein Umdenken statt. Und nicht wenige von ihnen haben ihre Lebenswürde zurückgewonnen, haben sich ein neues Leben erkämpft und arbeiten heute als Lehrer, Sozialarbeiter, Anwälte, in der Politik, andere haben Sprachwissenschaften studiert und helfen Menschen Ihresgleichen für ein besseres Leben. Für mich waren es diese vielen Einzelbegegnungen, welche mich immer wieder staunen liessen. Da war dieses junge, blinde Mädchen, sass still vor ihrer Braille-Schrift, war offensichtlich am lesen (von rechts nach links mit ihrer rechten Hand) und gleichzeitig am schreiben (seitenverkehrt, mit ihrer linken Hand durchstach sie eine Art von Lochmappe). Als sie mich wahrnahm, wollte sie mir etwas vorlesen. In einwandfreiem, exacten Englisch las sie mir ihren Text mir vor. Sie strahlte eine Lebensfreude aus, die für mich unbeschreiblich stark war! Ich bewundere diese Menschen und wünsche Ihnen, dass  es Ihnen gelingen wird, ihre Stigmatisierung ablegen zu können. So wie diese Frau durfte ich auch einige andere Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten und ihren eigenen Behinderungen kennen lernen! Einfach unbeschreiblich, einzigartig und so herzberührend! Es macht mir Mut, zu erleben, wie praktische Hilfe vor Ort so viel Positives verändern kann!!!
Am späteren Nahmittag treffe ich mich wie abgemacht mit Franca und Kebede. Es gelingt mir, alle wesentliche Punkte mit Kebede zu besprechen. Bei einem feinen Abendessen mit italienischer Küche gelingt dies umso besser, so dass er mich in den weiteren Prozessen meiner Vision für das Hilfsprojekt in Äthiopien begleiten und unterstützen kann. So entschliesse ich mich, am nächsten Tag Tsegai (was so viel wie Gnade bedeutet) als meine erste offizielle Mitarbeiterin anzuwerben (auf Stundenbasis). Tsegai habe ich nach einem Gottesdienst kennen gelernt. Von ihr hatte ich Eindruck erhalten, dass sie ideal für diese Arbeit sei, dem Verfassen eines schriftlichen Konzepts für die verschiedenen Ministerien der Regierung. Kebede würde mich in der Begleitung weiter unterstützen, da er die nötige Erfahrung innerhalb der Regierung mitbringt.
Ich könnte noch viel schreiben, doch vorerst verdaue ich meine köstliche, würzige Lasagne! So hoffe ich, dass Dir mein Zwei-Wochen-Rückblick gemundet hat
Bis auf bald!
Dario