16. Januar – Zufallsbegegnungen

Ich weiss nicht, wie es Dir geht, aber bei manchen Begegnungen fällt es mir schwer, an Zufälle zu glauben. Natürlich könnte man auch darüber philosophieren, ob es überhaupt Zufälle gibt.
Doch lassen wir das mal hier bleiben. Es war so um das Jahr 2003 im ehemaligen Haus der Stille in Sternenberg, dem gleichnamigen Sternenberg, in welchem Mathias Gnädinger 2004 in der Filmkomödie und Liebesfilm «Sternenberg» spielte. Dies nur zur Information für alle «Nicht-Zürcher-Oberländer». Denn Sternenberg ist wirklich derjenige Ort, wo sich noch Fuchs und Hase gute Nacht sagen! Ob Du’s glaubst oder nicht, aber meine drei Jungs sind dessen Zeugen. In eben diesem Jahr begegnete meine Frau Frederica der Referentin von Women’s Hope International (WHI) Claudia Leimgruber.
Ein paar Jahre später, so um das Jahr 2007 erhielten wir von Claudia Post aus Äthiopien. Sie war gerade zusammen mit ihrem Mann, Arzt und Chirurge, bei der Eröffnung des Hamlin Fistula Hospitals in Yirga Alem, Südäthiopien zugegen. Sie übernachteten in der nahe gelegenen Aregash Lodge. Und wie es so der Zufall wollte, erzählte Claudia dem Besitzer dieser Lodge von ihrer Begegnung mit Frederica auf dem Sternenberg. Sie alle staunten nicht wenig, als sich herausstellte, dass Gregori, der Besitzer der Lodge, Fredericas Bruder ist! Und in der Post erhielten wir ein paar Fotos von Gregori und seiner Frau.
Über all die Jahre unterstützten wir als Familie die Hilfsorganisation WHI, weil wir von deren Auftrag, Dringlichkeit und Seriosität überzeugt sind. WHI ist für uns eine Organisation, welche wir mit gutem Gewissen weiter empfehlen können. Bis ins Jahr 2015 begnügten wir uns damit, WHI finanziell und im Gebet zu unterstützen. Letztes Jahr im Januar 2016 reiste ich zusammen mit unseren zwei ältesten  Söhnen Joshua und Jeremy zum ersten Mal nach Äthiopien. Nebst dem Kennenlernen unserer familiären Wurzeln, den touristischen Sehenswürdigkeiten des Landes und medizinischen Hilfsprojekten vor Ort, entschieden wir uns, WHI in Äthiopien praktisch zu unterstützen. Wir taten dies, indem wir eine vor Ort tätige Partnerorganisation, das Hamlin Fistula Hospital, aber auch andere medizinische Kliniken mit Stoma- und Kontinenz-Material unterstützten. Persönlich vor Ort hatten wir die Möglichkeit, die Menschen, das Personal und deren Arbeitsweise kennenzulernen. Das Ganze war sehr eindrücklich, besonders auch für mich, da ich ja selbst mit einem künstlichen Darmausgang, einer Ileostomie lebe, also Stomaträger bin. Für die Patientinnen, aber auch das Personal war es ermutigend zu erleben, dass man trotz einer Behinderung das Leben von neuem meistern kann. Allerdings ist gerade das fehlende medizinische Verbrauchsmaterial und die professionelle Versorgung, wie wir sie in der Schweiz durch die Krebsliga und die Spitexorganisationen kennen, ein sehr grosses Handicap. Aus diesem Grund versuchte ich, für meine nächste Reise eine Liste mit den dringendst benötigten Materialien zu erstellen. Im Nachhinein gestaltete sich das schwieriger als gedacht, denn einerseits wurde einer der Lieferfirmen aufgekauft und das von ihnen hergestellte Produkt ersatzlos gestrichen. Allerdings aus gutem Grund, da jenes Produkt nur für den einmaligen Gebrauch gedacht war (Blasenkatheter für Frauen), aber gerade bei mehrmaligem Gebrauch zu lebensbedrohlichen Infektionen führte. Dies wiederum führte zu vermehrtem Einsatz von Antibiotika mit den bekannten Nebenwirkungen von ebenfalls lebensbedrohenden Resistenzen.
Nun gut, ich muss schon zugeben, mein erster Kontakt mit den Patientinnen der Fistula Klinik war sehr gewöhnungsbedürftig. Denn wenn mehrere Frauen bei schönstem Sonnenschein draussen in der herrlichen Gartenanlage verweilen und gleichzeitig ein penetranter Urin- und Kotgestank in der Luft liegt, der Boden feucht glänzt, ja, das war für mich der Moment, wo ich begann zu erahnen, welch schweres Los diese Frauen getroffen hat!
In einem Nachbargebäude hatte ich die Gelegenheit, einfachste Handarbeiten  von diesen Frauen zu kaufen, welche ihnen einen ersten Schritt zurück in das gesellschaftliche Leben ermöglichen sollte. Auf der schlichten Dankeskarte war dieser Text vermerkt:

„Obstetric fistula is a humiliating condition caused by obstructed labour, leaving mothers incontinent and with horrific birth injuries. The babies are nearly always stillborn. These women come to us destitute, wearing nothing but urine soaked clothes and more often than not, barefoot. With your help they can be transformed into beautiful woman with a new start in life. By buying this craft work you are providing money to enable more poor fistula sufferers to receive life changing surgery.”

Übersetzt bedeutet das in etwa:

Geburtsfisteln sind ein demütigender Zustand, hervorgerufen durch ein Geburtshindernis, welches die Mütter inkontinent und mit schlimmen Geburtsverletzungen. Die Kinder sterben fast alle bei Geburt. Diese Frauen kommen zu uns mittellos, tragen oft Kleidung, welche mit Urin vollgesogen ist und sind barfuss. Mit deiner Hilfe können sie in eine schöne Frau mit einem Start in ein neues Leben verwandelt werden. Mit dem Kauf dieser Handwerksarbeit unterstützen sie uns, damit wir weiteren armen Fistel-Leidenden eine lebensverändernde Operation bieten können.

Und wieder ist ein Jahr vergangen und da stehe ich zum zweiten Mal mit ein paar Kartonschachteln voll von medizinischem Verbrauchsmaterial bei der Fistelklinik in Addis Abeba. Sehr gut kann ich mich an die «Zufallsbegegnung» mit Frau Carla Civelli von der Stoma- und Kontinenzberatung in Zürich erinnern. Durch eine grosszügige Material-Spende ermöglichte sie diesen Transport von ihrer Seite her. Ebenso grosszügig zeigte sich die äthiopische Zollverwaltung. Einziger Wermutstropfen bildeten die zusätzlichen Transportkosten von Fr. 2200.- der Swiss-Fluggesellschaft, was immerhin einer unerklärlichen Verdoppelung der Preise zum Vorjahr entspricht. Aber wer weiss, vielleicht ist in dieser Angelegenheit noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn das haben solche Zufallsbegegnungen an sich, dass sie voller Überraschungen sind. Nie hätte ich mir erträumen lassen, was aus dieser Begegnung aus dem Jahr 2003 alles entstehen würde. Nun, was denkst Du über Zufälle, Vorsehung, Fügung oder was auch immer? Auf jeden Fall wünsche ich Dir viele solche lebensbereichernde Begegnungen! Sie geben dem Leben eine besondere Würze. Die Äthiopier würden vielleicht sagen, das Berbere oder Mitmita des Lebens (chilliartiges, scharfes Gewürz).
Falls du mehr erfahren möchtest über Fisteln/ Geburtsfistel, kannst du folgenden verlinkten Text lesen (Problemstellung Fistel und Engagement WHI), oder direkt auf der Home Page von WHI oder dem Hamlin Fistula Hospital nachlesen:
https://www.womenshope.ch/de
http://hamlinfistula.org/