21. Januar – Let's pray

Bei Gesprächen und im Austausch begegnen mir die Äthiopier als spirituell offene Menschen. In den Herausforderungen des Alltags, wo die Menschen Hilfe und Trost suchen, ist einer der ersten Handlungsschritte die Aufforderung zum Gebet. Egal, ob es bei der Arbeitssuche oder in einer ausweglosen Situation, bei welcher eine Verwandte einen Suizidversuch unternommen hat, ist da diese Aufforderung zum Gebet und der Fürbitte: «Let’s pray»Religion und Glaube haben bei sehr vielen Äthiopiern eine feste Verankerung. Aus meiner Erfahrung ist dies nicht nur bei den vielen prunkvollen Prozessionen an heiligen Städten wie in Lalibela der Fall. Sondern die tiefe Religiosität begegnet einem auf Schritt und Tritt, unabhängig ob es sich um nächtliche Gottesdienste der orthodoxen Kirche oder eine stundenlange Gebetsveranstaltung einer «Pente-Kirche» (protestantische Freikirche) handelt. Bis jetzt konnte ich am wenigsten Erfahrungen mit dem Islam sammeln. Letztes Jahr hatte ich hilfreiche Gespräche mit unserem muslimischen Guide im Goba-Nationalpark. Er erfüllte wichtige Grundvoraussetzungen, er war ein Mann und sprach Englisch. Normalerweise wird ein Besuch einer Moschee für einen Nichtmuslime nicht toleriert, ebenso wenig der Kontakt zu einer Frau. Allerdings ist mein erster Eindruck, was das Ausleben der Religion anbelangt, dass es sich hier sehr ähnlich verhält wie bei den Christen. Es gibt liberale und konservative Richtungen und solche, die einfach aus Tradition einer der Glaubensgemeinschaften angehören. Aufgrund von Literatur und einigen persönlichen Gesprächen konnte ich dennoch etwas über den Islam herausfinden. Beispielsweise, dass die zum sunnitischen Islam zählenden Muslime rund einen Drittel der Bevölkerung ausmachen. In den letzten 20-30 Jahren ist ein immer stärkerer Einfluss des saudi-arabischen, wahhabitischen Islams in Äthiopien zu beobachten. Saudi Arabien finanziert im ganz grossen Stil den Bau von Moscheen. Selbst dort, wo nur wenige Moslems leben, wird ganz bewusst der Bau von Moscheen, vorzugsweise neben einer Kirche, forciert. Dies ist relativ einfach, denn sobald sich ein Moslem bereit erklärt, sein Haus für den Bau einer Moschee zur Verfügung zu stellen, kann nach Klären der Formalitäten mit dem Bau begonnen werden. Die Präsenz einer Moschee wird einem auf der Reise durchs Land unweigerlich als missionarische Strategie begegnen, denn ihre markante Überzahl selbst in Gebieten mit vornehmlich christlich-orthodoxer Bevölkerung wirft Fragen auf. Gleichzeitig findet eine Radikalisierung gemässigter Muslime statt. Wo früher selbst Hochzeiten zwischen Christen und Muslimen möglich waren (beispielsweise in der Region um Harer), verhalten sich Muslime zunehmend konservativer und ausgrenzend, besonders nach Aufenthalten und Kontakten in Saudi Arabien. Bei Frauen zeigt sich dies unter anderem durch auffallende Kleidervorschriften, anstelle von farbigen Kleidern sind zunehmend schwarze Vollverschleierungen anzutreffen. Obwohl es über die Jahrhunderte auch zu kriegerischen Handlungen zwischen Muslimen und Christen gekommen ist, leben die beiden Weltreligionen im Grossen und Ganzen friedlich nebeneinander. Dieses Nebeneinander wird von manchen Leuten auch als ein gegenseitiges, friedliches Ignorieren beschrieben. Im praktischen Alltag bedeutet dies, dass jeder für sich lebt. Christen essen und kaufen nicht bei Muslimen und umgekehrt. So sind muslimische Metzgereien mit Halbmond und Stern, bei Christen mit Kreuz gekennzeichnet.
Faszinierend wie auch störend empfinde ich den Gebrauch technischer Errungenschaften bei der Ausübung religiöser Festlichkeiten. So hört man am Freitag den Muezzin über den Lautsprecher die Gebete verkündigen, wie auch am Sonntag und anderen Feiertagen die Priester und Verkünder der christlichen Kirchen.
Bei den Christen hat in den letzten Jahrzehnten der amerikanische Protestantismus starke Spuren hinterlassen. Die «Pente-Christen» werden in der Bevölkerung als starke Konkurrenz zur Orthodoxen Christenheit wahrgenommen und fallen durch ihren missionarischen Eifer und moralischen Leitblanken auf. So verzichten sie auf Alkohol und Nikotin. Mir wurde berichtet, dass schon ganze Familien die Konfession gewechselt haben, um einem Familienmitglied mit starken Alkoholproblemen zu helfen. Dementsprechend gross ist die soziale Kontrolle innerhalb dieser Kirchen. Bei europäischen Christen wird noch ein Auge zugedrückt, wenn es um den Alkoholkonsum geht, aber nicht bei einheimischen Gläubigen. Je mehr man sich durch seine «Position» (Pastoren, Lobpreisleiter, Diakone etc.) im Rampenlicht bewegt, desto «heiliger» hat sich der Lebenswandel zu zeigen. Dass dies aber schnell zu Stress, Heuchelei, Unfreiheit und Enttäuschung führen kann, liegt auf der Hand. Dennoch greift eine solche oberflächliche Betrachtungsweise des Protestantismus zu kurz und sie nur unter dem Begriff «Sekten» abzutun, wie einige Autoren aus Bequemlichkeit sich verleiten lassen, verkennt die Tatsache, dass mittlerweile über 10% der Bevölkerung in dieser Form des Glaubens eine echte Alternative sieht.
Die tiefe Religiosität, oder eben die gelebte Spiritualität und der praktische Glaube begegnen mir auf Schritt und Tritt. Die alltäglichen Probleme und Herausforderungen des Lebens sind fest eingebunden in der Sprache des Glaubens und des Gebets. Nicht wenige Christen leben einerseits in der Tradition der Orthodoxie, feiern die Feste in einer Form der Nostalgie und der Kindheitserinnerung, wenn es aber um die persönliche Spiritualität und den alltäglichen Glauben geht, bewegen sie sich in den vielfältigen, vergleichsweise fortschrittlichen Strömungen des Protestantismus. Offensichtlich dürfen hier noch Fragen gestellt werden, auf welche die Menschen sinngebende und auch moderne Antworten erhalten. Das Liedgut ist ebenso vielfältig wie die Kirchen selbst und deckt so ziemlich alles ab von traditioneller äthiopischer Kirchenmusik mit imposanten Chorälen bis hin zu pop-rockiger Anbetungsmusik mit westlichem Einschlag. Überfüllte Kirchen mit ewiglangen Gottesdiensten, Predigten mit einem Sammelsurium an Bibelstellen aus Altem und Neuen Testament, bei welchen wie bei den Lobpreis- und Gebetsteilen die Zeiten keine Rolle mehr zu spielen scheinen, als ob sich die Gemeinden bereits im Himmel befinden würden. Kein Wunder, dass manch einem europäischen Pfarrer das Augenwasser zu sehen ist, in Anbetracht der doch eher leeren Kirchen in der Heimat. Vielleicht haben wir einfach auch verlernt in den Alltagsnöten Trost und Hilfe im Gebet und in der Gemeinschaft zu suchen: «Let’s pray», vielleicht haben wir aber auch andere Alternativen, wenn gleich die Nöte dieselben sind.